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14. Juni 2008

"Nach dem Tod ist es wie vor der Geburt. Da ist nichts, nichts vor dem wir uns fürchten müssten"

Mein Sabbatjahr war nicht nur eine Zeit für Unternehmungen, sondern auch Gelegenheit zum Nachdenken: über Gott und die Welt - und den Tod.
Ich hatte lange Jahre keine Angst vor dem Tod - und erschrak eines Tages plötzlich, als ich mir vor Augen führte, wieder in den Zustand vor meiner Geburt zurückzufallen:
„Wenn es das Nichtsein wäre, das uns am Tod schreckt, so müssten wir schon über das Nichtsein vor der Geburt erschrecken. Denn vor der Geburt liegt schon jene Unendlichkeit ohne uns, die wir als Stachel des Todes fürchten." (SCHOPENHAUER; 1788-1860) Je größer mein eigener Schrecken über die Vorstellung war nicht mehr "da" zu sein, desto intensiver war meine Suche nach Antworten. Davon möchte ich berichten.

Was ist der Tod an sich?
Der Tod als das Erlöschen aller Lebensfunktionen ist ein naturgemäßes und unveränderliches Faktum. Als unser Ende wirkt er auf uns Menschen hochgradig bedrohend. Dies macht viele Wege erforderlich, mit dem Faktum des Todes umzugehen: durch Leugnen oder die Angst im Laufe unseres Lebens auf rationalen Weg zu bewältigen, sie gedanklich durch die Suche nach Antworten zu neutralisieren. Antwortmöglichkeiten bieten dafür philosophische, religiöse und medizinische Annahmen. In der griechischen Antike zum Beispiel war der Tod der ,,schöne Genius, der Bruder des Schlafs, verewigt in Monumenten über den Gräbern."

Laut dem französischer Humanisten Michel de Montaigne (1533-1592) fürchten wir aber mehr das Drumherum um den Tod als den Tod selbst: "schauderliche Trauermienen und Anstalten, eine völlig veränderte Umgebung, das Geschrei der Mütter, Frauen und Kinder, die Besuche von bestürzten und ganz außer sich geratenen Menschen, die Gegenwart einer Menge blasser und jämmerlich weinender Diener, ein Zimmer ohne Tageslicht (…) Kurz: alles um uns herum verursacht Grauen und Entsetzen. Wir sind schon so gut wie begraben und verscharrt."

Rückblick: Pubertät
Als ich 15 Jahre alt war, waren für mich Sterben und Tod eine Angelegenheit alter Leute. Als Teenager tauchte der Tod morgens in Anzeigen der örtlichen Tageszeitung auf und gelegentlich kannte meine Mutter die Personen oder Familien, die dort genannt wurden: „Ach, mit der Schwester von dem und dem habe ich schon als Kind gespielt…“. Trotzdem schien der Tod eine Sache in fernen Zeiten, denn in jungem Alter holt einen der Tod nicht, jedenfalls höchst selten.
Wenn man jung ist, dann befördern sich höchstens einige Altersgenossen oder deren jungen Idole von Zeit zu Zeit selbst aktiv ins Jenseits oder sie erreichen dies, indem sie ein besonders risikofreudiges Leben führen. Ich selbst war nicht risikofreudig, sondern gehörte zu der Gruppe unglücklicher Jugendlicher, die heimlich mehr als einmal mit dem Gedanken spielten, sich umzubringen. Da hatte der Tod etwas Erlösendes.
Die schreckliche Zeit der Pubertät überstand ich doch wohl behalten. Zurück blickend kann ich fest stellen, dass mir in der Pubertät der Tod nur einmal wenig näher kam als meine Oma verstarb. Sie starb an Lungenkrebs. Da sie jedoch ein Leben lang wie ein Schlot gequalmt hatte, schien die erfolglose Krankenhaustherapie und der sie ereilende Tod fast wie eine logische Konsequenz ihrer vorausgegangenen täglichen Sucht.

Tod eines Freundes
Nach der Pubertät, als junger Erwachsener kam ich über das Rote Kreuz zum Rettungsdienst. An hilfsbedürftigen Personen wurden fast immer erfolgreiche Rettungsmaßnahmen durchgeführt. Bei den wenigen DRK-Einsätzen, bei denen es tatsächlich um Leben und Tod ging, wurden nur wenige nicht mehr „zurück geholt“, so die damalige Ausdrucksweise.
Bei den seltenen Toten, die ich sah, spielte für mich eine wichtige Rolle, dass ich sie nie als lebendige Menschen erlebt hatte. Ganz selten trafen wir sogar auf Personen in Leichenstarre, wie bei dem alten alleinstehenden Herrn, der überraschend am Küchentisch gestorben war. Als wir ihn auf den Boden legten, blieb sein Körper in der gleichen angewinkelten Haltung wie er zuvor am Tisch zusammen gesunken war. Das hatte wenig Menschliches, etwas Puppenhaftes, was nicht einmal den Funken eines Restes von Leben enthielt. So blieb mein Verhältnis zu Tod und Toten distanziert.

Zu dieser Zeit hatte ich auch keinerlei Angst vor dem Tod. Aber erschüttert wurde ich dann durch den überraschenden Suizid von Arno L. . Ich wurde emotional tief berührt. Und über einige Gedanken rätselte ich bis heute. Als ich am Tag seiner Beerdigung über den Friedhof ging und ich den frühlingshaften, sonnigen Morgen sah, war für mich unbegreiflich: Der Freund würde (wollte) dies nicht mehr erleben. Und auch die vielen Ereignisse und Veränderungen in den folgenden Jahren, die ich seit dem Tod von Arno erlebte, „verpasste“ er. Ich dachte nicht selten daran, was ich noch erleben „durfte“. In vielerlei Hinsicht hatte ich nun ein erfülltes Leben und da konnte ich nicht begreifen, dass Arno diese Chancen verpasst hatte und dies alles nicht mehr erleben konnte (wollte).

Der Tod als Herausforderung auf die Frage: Was ist lebenswert?
Der Tod entfernte sich wieder aus meinem Bewusst-sein und kam lediglich mittels des gesellschaftlichen Themas Sterbehilfe zurück. Beim Thema Sterbehilfe war der Tod aber theoretisch und abstrakt in vermeintlicher Zukunft - als Abschluss des Sterbewegs und Endpunkt des Alterungsprozesses:

► Gibt es neben dem Recht auf Leben auch ein Recht auf ein (menschenwürdiges) Sterben? ► Unter welchen Bedingungen möchte ich selbst (noch) weiterleben („müssen“)? ► Wann gilt das eigene Leben für mich (noch) als lebenswert? ► Mit welchen mentalen oder körperlichen Beeinträchtigungen könnte ich mir vorstellen zu leben?

Ergebnis: Ich wollte nicht an Maschinen dahin vegetieren und auf die Würde der eigenen Persönlichkeit verzichten. Spätestens im Jahr 2035, wenn ich alt sei, aber gerade noch über mich selbst bestimmen könne, wollte ich selbst „Schluss“ machen. Lebenserhaltende Maßnahmen für mich seien nur akzeptabel: Wenn ich zukünftig schon nicht mehr produktiv sein könnte (z. B. Schreiben am PC), dann sollte es wenigstens für mich die realistische Chance eines passiven Erlebens des Meeres geben („Ich fühle, also bin ich“), was ich schon immer sehr genossen habe. Ansonsten wollte ich nur noch schmerzfrei, zumindest schmerzlindernd bis zum Eintreten des biologischen Todes medizinisch versorgt werden.

Aber ich erinnere mich auch, dass sich die Antworten auf das, was man (ich) für sich als lebenswert ansieht, entsprechend der eigenen veränderten Lebens-situation ändern. Wen man vorher noch häufiger von einem „später mal“ sprach, dann sind – je älter man wird - nicht mehr die nächsten 30 Jahre im Visier, sondern die nächsten drei oder vier; selbst in einem Lebensalter zu, in dem man davon ausgehen kann, die nächsten 40 Jahre sicher zu erleben.

Angst vor dem physischen Verschwinden - Altern
Mit dem sichtbaren Altern in der Lebensmitte zeigte sich deutlich, dass die noch kommende Lebenszeit ein wahrscheinlich kürzerer Zeitraum als der bereits gelebte Abschnitt sein würde. Mir wurde auch in Reflexion mit anderen wie Sascha E. klar: Das Leben geht jetzt eben nicht mehr einfach so selbstver-ständlich weiter wie es früher weiter gegangen war. Es kam, was kommen musste und bei Männern – auch jobbedingt - umso härter trifft: die Midlife-Crises und mit ihr die resümierende Frage: Was kommt?

Zunächst war ich zwar zurück schauend für das bis dato erfüllte Leben dankbar. Aber das Altern war von nun an als absehbarer körperlicher Abbau unauf-haltsam. Und so kam - wie aus heiterem Himmel – der Gedanke, der mich gruselte: Die Vorstellung, irgendwann nicht mehr „da“ zu sein. Würde es also sein wie vor der Geburt?

Vor der Geburt war man noch nicht im Leben, hatte noch keine Silbe gesprochen, vielleicht gerade die ersten Monate im Körper der Mutter nonverbal kommuniziert, aber sicherlich nie reflektiert, nirgendwo agiert, nichts aufgebaut oder zerstört. Aber danach? Würde es sein wie in der Zeit vor der eigenen Geburt, wo es einen nicht gab? An diese Zeit konnte man sich nicht "erinnern" und doch war sie eindeutig existent. Aber nach der Geburt hatte es – anders als davor – ein eigenes Leben gegeben, in dem man sich reflektierte (Descartes’ : „Ich denke also bin ich“), sich Lebensziele setzte und versuchte, so weit möglich, seinem Sein einen Sinn zu geben.

Der Tod als Sinnstifter für den „Sinn des Lebens“
Nachdem ich Lehrer geworden war, fragte mich Schüler Thomas E. in einer der nachdenklichen Unterrichtsstunden: „Aber dann sagen Sie mal, was ist denn dann der Sinn des Lebens?“ Bei der Antwort kam ich ins Schlingern. Dabei steht die Frage an sich mit jeder Geburt im Raum.
Für Atheisten scheinen neuere wissenschaftliche Forschungen vielleicht Verblüffendes zum Vorschein bringen. So gibt es die These, dass mit den Genen nicht nur körperliche Erbinformationen von Generation zu Generation weiter gegeben zu werden, sondern vielleicht sogar Informationen, die auf die Art der Lebensweise der Nachfahren Einfluss haben. So wird auf den zweiten Blick die existentielle Sinnfrage des Individuums berührt. Was bleibt dann aber von Menschen wie mir, die ihre Gene biologisch nicht weitergeben? Vielleicht lautet die Antwort, dass dieses „Problem“ durch einen wirkenden Einfluss auf seine Mitlebenden gelöst wird (z. B. durch Lehre, Erziehung, Kunst). Als „Sinngebung“ schlussfolgert der römische Dichter HORAZ (65 - 8 v. Chr.): ,,Carpe diem" - nutze den Tag. Der Mensch solle die ihm bleibende Zeit nutzen. So schreibt auch Camus im "Mythos des Sisyphos", dass der Mensch sich bemühen sollte, ein möglichst langes und ausgefülltes Leben zu führen, ungeachtet dessen Sinnlosigkeit (Absurdität).

Was kommt danach: Ist der Tod nun endgültig oder Übergang zum nächsten Leben?
Historisch ist die Menschheit in Relation zu der langen Erdgeschichte nur ein Bruchteil im Universum. Trotzdem begannen bereits die Menschen in der Frühzeit sich über den Tod als sicheren finalen Punkt Gedanken zu machen und beim modernen Menschen ist in diesem Zusammenhang auch der Wunsch nach Zeitreisen entstanden (vgl. dazu: Hawking). Denn die Menschen sind sich selbst bewusst, Zeit-Wesen zu sein. Und diese Zeit wird durch den Tod begrenzt. Aber folgt etwas der eigenen Lebenszeit? Was?

SOKRATES (469-399 v. Chr.) lässt beide Grund-haltungen gleichermaßen gelten, was nach dem Tod sei. Der Tod könne nur zweierlei bedeuten: ,,Entweder ist er ein Nichts-Sein, so dass der Tote auch keine Wahrnehmung mehr von irgendeiner Sache hat, oder er ist, wie die Überlieferung sagt, ein Übergang und eine Übersiedelung der Seele von dieser Stätte an eine andere."

Religion als Trost
Bereits vor 60.000 Jahren war das Wissen um unser Ende fest in der menschlichen Vorstellung verankert. So waren religiöse Gedanken eine häufige Konsequenz dieser gedanklichen Auseinandersetzung:

"Wie durchgängig in der Natur jedem Übel ein Heilmittel, oder wenigstens ein Ersatz beigegeben ist", so SCHOPENHAUER, "verhilft dieselbe Reflexion, welche die Erkenntnis des Todes herbeiführte, auch zu metaphysischen Ansichten, die darüber trösten, und deren das Tier weder bedürftig noch fähig ist."

Heutige Weltreligionen versprechen zur geistigen Befriedigung des menschlichen Selbsterhaltungstriebs eine „Unsterblichkeit“ und sprechen unterschiedlich z. B. von Wiedergeburt, Übergang ins Jenseits oder ewigem Leben im Paradies – zwar nicht im selben Körper, aber in Bezug auf unsere Seele.

Religionskritiker FREUD (1856 -1939) ist im Gegensatz zu den Religionen der Auffassung, dass alles Leben letzten Endes ein Leben zum Tode sei und dass das destruktive Material des Menschen immer auch in einem besonderen Naheverhältnis zum eigentlichen Lebenstrieb stehe. Demnach gibt es kein Leben ohne den Tod, keine Liebe ohne Hass, keine Lust ohne Schmerz. Darauf beruht auch das philosophische Prinzip des Dualismus. Es besagt, dass nichts ohne Gegensätze existiert: „Wer weiß was schmerzlos ist, muss wissen was Schmerz ist, sonst kann er schmerzlos nicht begreifen."

Ohne Winter gibt es kein Frühlingserwachen gibt, ohne Nacht keine Morgenstimmung -"symbolischer Dualismus":

video

(Filmausschnitt oben: „Soilent Green“ mit der Musik: "Morgenstimmung" aus Edward Griegs „Peer Gynt“, Suite Nr. 1, op. 46) .

Das Leben und der Tod bedingen einander also. Ohne den Tod wäre auch kein Leben möglich. So ist biologisch ständiges Sterben notwendig (zum Beispiel das Absterben von Zellen), um das Leben im Körper zu erhalten.

Für SOKRATES ist es auch gewiss: Der Tod habe nichts Schreckliches an sich. Egal, ob er ein Nichts-Sein, ein traumloser Schlaf, ein Ausruhen von diesem Leben und damit angenehm oder ein Übersiedeln der Seele an einen anderen Ort sei: In beiden Fällen ist der Tod für Sokrates demnach wünschenswert und gut - und gibt dem Leben einen Sinn.

Zusammenfassung: Nachdenken über das Unvorstellbare?
Sucht man bei Gelehrten in verschiedenen Jahrhunderten nach Antworten so scheint ein Gruseln beim Gedanken eines Rückfalls in eine Zeit vor der Geburt unbegründet: "Nach dem Tod ist es wie vor der Geburt. Da ist nichts, nichts vor dem wir uns fürchten müssten". Dieses Zitat aus meiner Blog-Überschrift wird Mark Twain zugeschrieben und es beruhigt genauso wie EPIKURs (342 - 271 v. Chr.) Aussage, nach der die Beschäftigung mit dem eigenen Tod paradox sei:

„So lange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr." Was folgt daraus? KIERKEGAARD (1813-1855) schlug vor, dass wir uns selbst außerhalb stellen sollten um den Schmerz zu meiden, den der Tod uns bereiten würde. Das einzige, was wir gegen den Tod „tun" könnten, sei ein Leben zu führen, für das wir uns nicht vor uns selbst genieren müssen. Der Gedanke an den Tod beinhalte aber die Chance, dass er uns ermögliche die Kürze des Lebens zu erkennen und dieses weitgehend zu optimieren:

„Langwierige und ausschweifende Gedanken um den Tod sind letztlich kontraproduktiv, denn die Ungewissheit besteht in jedem Augenblick, das Ungewisssein, wann der Hieb fällt - und der Baum. Wenn er aber gefallen ist, so ist es entschieden, ob der Baum gute Frucht gebracht oder faule Frucht."

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